In Memoriam Dr. Horst Heidermann (1929-2018)

Horst Heidermann ist am 4. April 2018 nach kurzer schwerer Krankheit verstorben. Er hat sich neben vielen anderen Themen auch engagiert der Erforschung des Lebens und des Werkes des Muffendorfer Malers Peter Schwingen gewidmet. In dankbarer Erinnerung sei ihm folgenden Text gewidmet:

Alle Jahre taucht aus dem Nebel der Geschichte wieder ein Gemälde Peter Schwingens (1813 - 1863) auf. Ein bisher unbekanntes Werk oder eine Arbeit, die als verschollen galt.

So tauchte im Februar des Jahres 2018 im Kunsthandel ein Kinderbildnis auf, das die Werkverzeichnisnummer 126 trägt. Dieses Gemälde war uns nur durch ein altes Schwarzweissfoto aus dem Archiv Söhn bekannt. Wie sich nun herausstellt, war das Foto seitenverkehrt abgezogen. Das Gemälde ist signiert und datiert (1849).

Es zeigt ein kleines Mädchen mit blaugrauen Augen und blonden Löckchen, das mit einem weissen Musselinkleidchen, einer Korallenperlenkette und einem Blumenkörbchen geschmückt ist. Das Kind steht vor einer altertümlichen Backsteinmauer, die von Weinlaub umrankt ist, und auf einer steinernen Konsole steht ein Blumenstock im Topf. Eine Fuchsie.

Im Blumenkörbchen, das das Kind am linken Arm trägt, befinden sich einige Blüten von Gartenblumen und auch Blüten der Fuchsie. Ein hübsches Sammelsurium, das den kindlichen Eifer und die Freude an den Blüten ausdrückt. Das kleine Mädchen hält mit der rechten Hand noch eine Blüte der Fuchsie umfasst und scheint mit seinem Blick zu fragen, ob es diese Blüte wohl auch noch haben dürfte?

Was hat es mit der Fuchsie auf sich ? Und wer ist das kleine Mädchen? Auf dem Gemälde oder dem Rahmen findet sich kein schriftlicher Hinweis. Andere Dokumente dazu haben sich bisher nicht gefunden, mit Ausnahme des alten Fotoabzuges.

Das Kind ist geschätzte vier Jahre alt, und Schwingen hat sein ganzes Können, sehr viel liebevolle Zugewandtheit und Detailgenauigkeit in dieses Bild hineingelegt. Die Datierung „1849“ kann aber einen Hinweis liefern. Schwingens zweites Töchterchen, Johanna Elisabeth Hubertina (Amalie) genannt Malchen, war 1845 geboren worden. Sie war im Jahr 1849 die einzige lebende Tochter Schwingens und um diese Zeit etwa vier Jahre alt. Das leuchtend grüne Weinlaub und das zarte, duftige Kleidchen deuten daraufhin, dass das Gemälde im Sommer des Jahres 1849 entstanden sein dürfte, vielleicht zum Geburtstag des Kindes, am 13. August.

Schwingen hatte 1843 bereits seine erste Tochter, die 1837 geborene Caroline Philippine, verloren. 1848 verstarb seine erste Frau, so dass es ihm sicherlich ein Bedürfnis gewesen dürfte, sein jüngstes Kind, auch als Erinnerung an seine Frau, in einem recht großen Format zu porträtieren. Das Gemälde hat die Maße 60 H x 51 B cm, für ein privates Kinderbildnis eine stattliche Größe. Malchen wurde später die Schwiegermutter des Düsseldorfer Hoffotografen Julius Söhn, der in den 1930er Jahren ein erstes Fotoarchiv mit Arbeiten Schwingens angelegt hatte. Auch daher ist es gut möglich, dass es sich bei dem Gemälde um Schwingens Tochter Malchen handelt.

Schwingen stammte ja aus dem kleinen Weinort Muffendorf und war mit der Landwirtschaft, der Blumen- und Pflanzenwelt durchaus vertraut. Und es ist überliefert, dass er seine Kinder sehr geliebt hat. Diese Liebe zum Kind drückt sich im Gemälde eindeutig aus. Was hat es nun aber mit der Fuchsie auf sich? Die Fuchsie ist eine Pflanze, die aus Süd - und Mittelamerika stammt und daher erst in der Neuzeit nach Europa kam. Um die Mitte des 19. Jahrhunderts wurde sie zu einer sehr beliebten Zierpflanze, es entstand geradezu eine Fuchsienmode, die mit der Tulpenmanie in den Niederlanden im 17. Jahrhundert zu vergleichen war, wenn sie auch nicht derart finanziell desaströse Folgen zeitigte. So gibt Schwingens Gemälde nicht nur durch die Datierung einen Hinweis auf die Entstehungszeit.

Vielleicht gab es aber auch, jenseits der familiären Beweggründe, noch einen sehr handfesten Grund für Schwingen, ein so aufwendiges Kinderbildnis zu schaffen?

Es wäre immerhin denkbar, dass er für das Gemälde, das er von den drei Kindern des Ernst Eugen de Weerth schaffen sollte, zunächst eine Arbeitsprobe zu liefern hatte. Dieses Kinderbildnis der drei de Weerth-Kinder Ernst Arthur, Clara und Karl Arthur gehört mit zu den Hauptwerken Schwingens und ist von grosser Qualität. Die Kinder auf dem de Weerth-Gemälde (WVZ Nr. 115) sind etwa fünf, vier und zwei Jahre alt. Das heisst, das de Weerth-Gemälde müsste 1850 geschaffen sein worden. Also eindeutig nach dem Mädchen mit weissem Kleid und Fuchsie.

Die Ähnlichkeit zwischen den beiden Mädchen auf den beiden Gemälden besteht ja auch nicht nur im gleichen Halsschmuck, der Korallenkette, sondern auch die runden, rosigen Wangen weisen darauf hin, dass Schwingen sich mit dem Porträt seiner Tochter Malchen auf den Auftrag der Familie de Weerth so erfolgreich vorbereitet haben könnte, dass er den Auftrag tatsächlich erhielt.

Und nicht zuletzt verweist das Blumenkörbchen des Mädchens auf den schönen Spruch „So schön wie im Blumenkorb liegt Muffendorf“, von dem allerdings nicht bekannt ist, ob der Spruch bereits zu Schwingens Lebzeiten geläufig war. Auch ein familiärer Anlass könnte Schwingen dazu veranlasst haben, einen Hinweis auf Muffendorf im Gemälde unterzubringen. 1849 verstarb seine Großmutter Gertrud Nicolai, Schwingen soll bei der Beerdigung zugegen gewesen sein. Und das sei auch sein letzter Aufenthalt in Muffendorf gewesen.

Auch dieses jetzt wieder aufgetauchte Gemälde gibt Zeugnis von der großen Kunstfertigkeit Peter Schwingens. Die vergilbte Firniss wurde abgenommen, das Gemälde gereinigt und neu gefirnisst. Dabei stellte sich heraus, dass das Bild in einem exquisiten Erhaltungszustand ist. Wie alle Gemälde Schwingens, die nicht durch äusserte Einwirkung beschädigt wurden. Das belegt einmal mehr auch das hohe handwerkliche Können des Malers.

Pia Heckes

Peter Schwingen, Mädchen mit Fuchsie, 60 cm H x 51 cm B, signiert und  datiert, 1849
Abb. 1: Peter Schwingen, Mädchen mit Fuchsie, 60 cm H x 51 cm B, signiert und datiert, 1849

 

Peter Schwingen, Die Kinder von Ernst Eugen de Weerth, 55 cm H x 65 cm B, um 1850
Abb. 2: Peter Schwingen, Die Kinder von Ernst Eugen de Weerth, 55 cm H x 65 cm B, um 1850

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